Systematischer Missbrauch in NRW-Heimen: Wie Thomas Frauendienst zum Opfer wurde
Lara MeyerSystematischer Missbrauch in NRW-Heimen: Wie Thomas Frauendienst zum Opfer wurde
Eine neue Studie hat weitverbreiteten Missbrauch in Pflegeeinrichtungen Nordrhein-Westfalens aufgedeckt, darunter den routinemäßigen Einsatz von Psychopharmaka, um junge Bewohner unter Kontrolle zu halten. Zu den Opfern gehörte Thomas Frauendienst, der seine frühen Jahre im Johanna-Helene-Heim in Volmarstein verbrachte. Sein Fall offenbart eine Geschichte medizinischer Vernachlässigung, Zwangsmedikation und Gewalt – einer von vielen in einem System, in dem fast jedes fünfte Kind ähnlichen Misshandlungen ausgesetzt war.
Thomas Frauendienst wurde am 23. März 1964 mit angeborenen spastischen Klumpfüßen geboren. Noch in der Nacht seiner Geburt kam er ins Johanna-Helene-Heim in Volmarstein und wurde dort als Nummer 2033 in einem Register mit dem Titel "Kinder in besonderer Verwendung" erfasst. Seine frühesten Erinnerungen an die Einrichtung umfassen über 80 Operationen, ständigen Hunger sowie wiederholte Vernachlässigung und sexuellen Missbrauch. Wie viele andere wurde er systematisch sediert – Teil eines größeren Musters, bei dem Medikamente eingesetzt wurden, um den "Betrieb der Einrichtung zu erleichtern", wie die NRW-Studie später bestätigte.
1968 griff eine junge Diakonisse, die in Volmarstein arbeitete, ein. Sie zog die Notbremse und drohte, die Zustände öffentlich zu machen. Dies veranlasste Frauendiensts Familie, ihn endlich nach Hause zu holen – allerdings kam er schwer unterernährt an. Eine Familienfreundin, Ingrid, half bei der Eingewöhnung.
Jahrzehnte später zeigte sich das volle Ausmaß des Leidens: Bei Frauendienst wurden 20 bestätigte Erkrankungen diagnostiziert, die meisten erworben, nicht vererbt. Als Anerkennung für sein Leid erhielt er 5.000 Euro Entschädigung von der Diakonie Rheinland/Westfalen-Lippe sowie weitere 4.000 Euro von der Stiftung Anerkennung und Hilfe für das überlebte sexuelle Gewalt. Trotz der emotionalen Distanz zu seinen inzwischen verstorbenen Eltern hat er inzwischen Frieden mit ihrer Erinnerung geschlossen.
Die NRW-Studie legte offen, dass etwa 20 Prozent der Jugendlichen in solchen Einrichtungen missbräuchliche Medikamentenpraktiken erlebten, oft begleitet von körperlicher und sexueller Gewalt. Viele wurden ohne Einwilligung für nicht autorisierte medizinische Versuche missbraucht – ihre Körper als Versuchskaninchen behandelt.
Thomas Frauendiensts Fall ist nun Teil der offiziellen Dokumentation über institutionellen Missbrauch im Nachkriegsdeutschland. Entschädigungen wurden gezahlt, und die Studienergebnisse bestätigen das Ausmaß der Misshandlungen. Für Überlebende wie ihn kommt die Anerkennung Jahrzehnte zu spät – doch die Aufarbeitung stellt sicher, dass die Gräueltaten nicht in Vergessenheit geraten.






